Head Markus Sauermann
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Ausstellungseröffnungsrede von Prof. Thomas Duttenhoefer
zur Einzellausstellung von Markus Sauermann 1999

Die Kunst ist nichts als Gefühl. Und ohne Kenntnis von Volumen, Proportion, Farben, ohne Handfertigkeit ist das lebhafte Gefühl gelähmt. Was vermöchte selbst der größte Dichter in einem fremden Land, dessen Sprache er nicht kennt? Unter der neuen Generation von Künstlern gibt es leider auch Dichter, die sich weigern, sprechen zu lernen . Darum können sie nur stammeln.Diese Sätze aus dem Testament des August Rodin, 1911 veröffentlicht, sind von bleibender Aktualität. Sie zeigen uns, daß die genannten Grundlagen der Gestaltung die immer beständige Basis waren und bleiben! Zu dem heute interpretierten Begriff Gestaltung gehört aber die Erkenntnis, dass darin die Gestalt als Ursprung zu sehen ist. Sie gilt als fundamentale Bedeutung. Aber wenn Qualität angesagt wird, gilt immer, Gehalt ist Gestalt, Gestalt ist Gehalt.

Im Juli letzten Jahres beschäftigte sich eine Hörfunksendung des SWF mit dem Einfluß der neuen Medien auf das Entstehen von Literatur. Angesichts des Einsatzes von Sprachcomputer und Software für Lyrik, sprach der Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, Herbert Heckmann, von einer schleichenden Kulturrevolution. Nun hat dieses Medium in alle Lebensbereiche eingegriffen, in vielfach hilfreicher und nützlicher Form.

Ganze Bereiche der Gestaltung bedienen sich des neuen Mediums  zur Schaffung virtueller Welten. Im Film lassen sich tote Schauspieler zum Leben erwecken, Fabelwesen fliegen durch Raum und Zeit und wechseln in Bruchteilen von Sekunden ihre Form. Diese Tricks scheinen auf fatale Weise real. Schnelle Folgen von Input und Output bringen rasante Ergebnisse. Die Mc-Donaldisierung der Kultur wird immer spürbarer. Mit Donner und himmlischen Feuerwerken muß man zu schlaffen und schlafenden Sinnen reden. Aber der Schönheit Stimme ruft leise,  sie schleicht sich zu den aufgewecktesten Seelen. Und dennoch: Was treibt den Bildhauer zur Form, den Zeichner zur Linie, den Maler zur Farbe? Ein elementares Bedürfnis, wie atmen und schlafen. Der junge Markus Sauermann weiß um diese Bedeutung. Er spürt den Steinen nach, auf der Suche nach Harmonie, Substanz und innerer Monumentalität. Das in Jahrtausenden Gewachsene des Steines zwingt zur Konzentration und zum Eigentlichen.

Sauermann ist der ursprüngliche Bild - Hauer , d.h. durch die subtraktive Methode findet er die im Stein verborgene Form. Bei der riesigen Steinfiguration zu Nierstein umschritt er mehrere Tage den gewaltigen Block, um ihm dann seine Bildidee abzuringen. Das redliche Arbeiten am Stein läßt Schein- Virtuosität erst gar nicht aufkommen. In wochenlanger, bei großem Format monatelanger Arbeit, wird dem Stein durch den Hammerschlag mit Fäustel und Meißel der Kern der Figuration herausgearbeitet. Sauermann meidet eher die Maschinen. So erhält der Stein seinen Atem durch die dosierten Hammerschläge, so erzielt er eine lebendige Struktur, wie bei der jüngsten Arbeit in Diabas, wo der Bildhauer  dem Verführerischen dieses Steines widerstanden hat. Das Verführerische meint hier Schleifen und Polieren. Durch feinste Struktur wird dem Stein gewissermaßen eine sinnliche und feine Epidermis verliehen. Dies gilt auch für einen ebenfalls in Diabas gehauenen Torso, die emfindsame Ponderation kommt sehr schön zum Ausdruck..
Der Glanz  des Steines ist in einer anderen, einfachen kubischen Form vorhanden, wo die Lichtreflexe eine Anmutung  von der Kostbarkeit eines Behältnisses unbekannten Inhalts aufkommen läßt. Schrein wäre ein möglicher Titel. Der Meißel hinterläßt mannigfaltige Spuren,  Spuren der Erinnerung
Alles, was ist, und damit auch - physikalisch gesprochen - auf seine Umgebung mit Kräften einwirkt, hinterläßt mehr oder weniger dauerhafte Spuren. Die ganze Welt mit ihrer Erd- und Menschengeschichte kann als ein Kompendium von Spuren und Strukturen verstanden werden, die Geologen, Künstler, Biologen oder Historiker je unter ihrer  eigenen Perspektive entdecken und zu deuten versuchen.  Spuren sind Relikte einer Anwesenheit, die sich auf Grund der Bedingtheit von Zeit und Raum der direkten Greifbarkeit entzieht. Was vergangen ist, läßt sich  in der Gegenwart nur durch seine Spuren erfassen.

Als Bedingung von Erkenntnis entfachen Spuren in dem,  der ihnen nachgeht, je nach Situation Neugier, Furcht, Hoffnung oder Sehnsucht. Sie können gangbare Wege verheißen, aber auch in die Irre führen. Die Spur überdauert die tatsächliche Anwesenheit, spurloses Vergehen wird schon im Alten Testament als Ausdruck der Vergänglichkeit gewertet. „Unser Leben geht vorüber wie die Spur einer Wolke und löst sich auf wie ein Nebel, der von den Strahlen der Sonne verscheucht wird.“ (Weish. 2,4)(1*) In einer enormen stilistischen Vielfalt, allen möglichen Ismen der Verwendung von gewöhnlichen und ungewöhnlichen Materialien, einem Vielerlei von guten und schlechten Formen und neuen Medien muß der Bild-Hauer sich heute behaupten. Und er hat es schwer, nicht nur was das Gewicht seines Mediums betrifft. Alles scheint gesagt, alles gemacht, aber das scheint nur. Immer noch und immer wieder  wird die Faszination des Steines, wie der elementaren Formen spürbar. Sauermann, ein bescheidener Mann, beschränkt sich in Haltung und Form auf sogenannte einfache Formen. Aber in der Reduktion liegt auch ein Stück Klugheit. Er setzt seine Interpretationen in diese Zeit. Er spürt auch, daß die dichte Verwirklichung seines Erlebnisses von Welt mit den wesenhaftesten gestalterischen Mitteln nur dann die richtigen Mittel sind , wenn sie in der Gestaltung aufgehen.

Für Sauermann gilt der Satz von Joseph Campell aus seiner Mythologie des Westens: „Die gestalterischen Menschen sind die feinfühligen Seelen,  die einst Seher hießen. Wichtiger, wirkender noch für die Zukunft einer Kultur als ihre Staatsmänner oder Armeen, sind die Meister des geistigen Hauches, durch den der Lehm zum Menschen erwacht.“ Markus Sauermann öffnet sich dem Stein und uns die Augen für die kleinen Sensationen des Materials und läßt uns das Atmen seiner Schöpfungen vernehmen. Im Zwiegespräch zwischen Autor und Material entstehen seine Schöpfungen, die geprägt sind von Empfindsamkeit, von dem Respekt vor der im Stein innewohnenden Struktur. Beschränkung nicht Entfaltung ist der Grundsatz. So entstehen lapidare Konfigurationen, deren Geheimnis und Sprache wir entdecken.
Ein altes afrikanisches Sprichwort sagt: „ Wer zu den Quellen will, muß gegen den Strom schwimmen.“
(1*: Quellennachweis:Nach Barbara Nichtweiß, „Komm ins Offene....“Mainz 1998)